Gewalt in der Pflege

Eine Präsentation zum Thema von Prof. Dr. Thomas Görgen Deutsche Hochschule der Polizei (Münster) – Gewalt in der Pflege – hat zu einer regen Diskussion im Forum geführt. Da wir die Informationen und Positionen dazu auch einem größeren Interessentenkreis zur Kenntnis geben möchten, sind sie nun auch hier auf den Seiten der eupax News veröffentlicht und wir würden uns freuen, wenn dies dazu anregt, sich in die Diskussion einzubringen. Gefragt sind u.a. auch weitere Informationen und eigene Erlebnisse bzw. Erfahrungen mit Betroffenen sowie eigene Statements zum Thema.

Jerry schrieb dazu:

Ich komme ja ursprünglich aus der Pflege und etliche hier beschriebene Gewaltformen habe ich selbst gesehen und erlebt. Ich habe den PDF- Anhang mal schnell überflogen und finde, dass er das Problem der Gewalt in der Pflege ziemlich einseitig darstellt, nämlich aus einer kriminellen Sichtweise. Mir scheint diese Perspektive ziemlich klar zu sein. Da will sich jemand am Gut eines anderen bereichern. Der/die gehört bestraft und fertig.
Mich interessiert ein anderer Aspekt dieses Problems. Pflegekräfte, sei es Professionelle oder im häuslichen Bereich, sind einem extremen Druck ausgesetzt. Früher, in meiner Ausbildungszeit, war das nicht anders und heute ist es noch extremer geworden. Permanenter Personalmangel, mangelnde Finanzierungen, Ausfälle durch Krankmeldungen, überbelegte Stationen, vernachlässigte Weiterbildungen, Sicherheitsprobleme und persönliche Probleme lasten bis heute auf den Schultern der Pflegekräfte. Und die Gesellschaft schaut zu! Wir schauen zu.

Ich sehe hier einen enormen Bedarf an Hilfe und Unterstützung und mit unserem Ansatz sind wir genau richtig.
Wir können diese Leute begleiten und befähigen, in erster Linie für sich selbst zu sorgen und dann erst für andere da zu sein.

PS: Seit einigen Jahren wird der Personalschlüssel einer Einrichtung(Krankenhaus; Pflegedienst und ähnliches) nach Zeitaufwand am Patienten berechnet. Einige kluge Köpfe haben ein System aus der Industrie und Wirtschaft umgemodelt um Krankenhäuser wie Fabriken und/oder Firmen funktionieren zu lassen. Und wir machen alle mit!

Phaemopraxis Letzebuerg

Phaemopraxis Hildesheim

 

3 Kommentare

  1. Lieber Jerry,

    Ergänzung zu deinem P.S. Die Berechnungssysteme nach „Leistung“ führte in Krankenhäusern dazu, dass die am Patienten abgearbeitete Leistung gut dokumentiert ist. Da das persönliche Gespräch aber nicht als Leistung bewertet wurde ist bei einer Untersuchung (die ich leider nicht mehr griffbereit habe) festgestellt worden, dass das Pflegepersonal nicht mehr mit den Patienten spricht. Kontakt ist, glaube ich, auch keine Kategorie, die Patienten werden sozusagen abgearbeitet. An meiner Arbeitsstelle ist bis jetzt die Phase der betriebswirtschaftlichen Gigavermessung vorbeigegangen, so verbringen wir viel Zeit in der Arbeit mit den Klienten meistens im Kontakt.

    lg Markus

    1. Hallo Markus,

      Da kann ich dir nur bedingt zustimmen, häufig läuft dies folgendermaßen ab. Es wird nicht die Leistung gemessen, sondern die Dokumentation der Leistungen. Es ist total egal, was der Patient an Pflege/Leistungen erhält, das Wichtigste ist, dass sie dokumentiert ist.

      So ist die Dokumentation in den Fokus gerückt, der Patient bleibt auf der Strecke nach dem Motto:” Operation gelungen, Patient tot!” Ich kenne eine Station, die eine bestimmte Krankenschwester dazu bestimmt hat, tagtäglich die gesamte Dokumentation des Tages zu übernehmen. Diese war von sämtlichen anderen Aufgaben freigestellt. Der Trick war, dass diese Krankenschwester ein besonderes Talent zum Dokumentieren hatte und die Prüfer alles entsprechend honorierten, was sie eingeschrieben hatte. Frag mich bitte nicht, ob die Dokumentation der tatsächlich erhaltenen Pflege entsprach.

      Gruß Jerry

      1. Hallo Jerry,

        Danke für die Präzisierung. Du hast leider recht. Bei uns läuft es genau so. Die Ökonomisierung des Sozialen greift Platz. Und die Dokumentation ist der Schlüssel zur Finanzierung und nicht die Leistung am Patienten selbst.
        Ich merke aber auch einen Trend weg von der Ökonomisierung. Es wird klar, dass Menschen nicht wie triviale Maschinen funktionieren und daher auch nicht so vermessen werden. Triviale Maschine ist z.B. ein Münzprägeautomat, vorne die verschiedenen Metalle hinein, hinten kommt die Münze mit den gleichen oder nahezu gleichen Eigenschaften heraus. Bei Menschen, wenn Sie in Beratung gehen oder medizinisch behandelt werden, ist der Prozess durch eine triviale Maschine nicht abbildbar…..

        Eine Möglichkeit, Qualität hochzuhalten, ist ein Ansatz von Peter Pantucek mit dem Titel „Machen wir uns kritisierbar“. Unsere Klienten/Patienten sollen sehr niedrigschwellig Kritik an unserer Leistung äußern können und im Zuge der Auseinandersetzung mit dieser Kritik kann der Profi seine Praxis ständig weiterentwickeln. Ich versuche in meiner Praxis für positive und negative Kritik offen zu sein und auch diese anzuregen, um dieses Verbesserungspotential für mich und meine Organisation nutzbar zu machen.

        herzliche Grüße
        Markus

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